Die weibliche Genitalverstümmelung

Für die meisten Menschen in Europa ist die weibliche Genitalverstümmelung (engl: Female Genital Mutilation, kurz: FGM) eine veraltete und weit entfernte Art der Tradition, bei der Teile der weiblichen Geschlechtsorgane entfernt werden. Sie wurde früher auf grausame Art und Weise regelmäßig praktiziert und ist inzwischen in den meisten Ländern längst verboten. 

Das ist auch richtig so, zumindest in der Theorie! In der Praxis sieht das jedoch anders aus, noch heute wird FGM hauptsächlich im westlichen und nordöstlichen Afrika, sowie in Jemen, Irak, Malaysia, Indonesien und anderen Ländern praktiziert. Aber auch in Ländern in denen dieses Ritual mittlerweile verboten ist wird FGM noch praktiziert.

 

 

 

Formen von FGM

FGM wird in unterschiedlichen Weisen praktiziert. Je nach Tradition des Ortes oder Stammes wird zwischen folgenden Formen der Beschneidung unterschieden:

 

Typ I: teilweise oder vollständige Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris (Klitoridektomie) und/oder der Klitorisvorhaut (Klitorisvorhautreduktion)

 

Typ II: teilweise oder vollständige Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Schamlippen (Exzision)

 

Typ III (auch Infibulation): Verengung der Vaginalöffnung mit Bildung eines deckenden Verschlusses, indem die inneren und/oder die äußeren Schamlippen aufgeschnitten und zusammengefügt werden, mit oder ohne Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris

 

Typ IV: In dieser Kategorie werden alle Praktiken erfasst, die sich nicht einer der anderen drei Kategorien zuordnen lassen. Die WHO nennt beispielhaft das Einstechen, Durchbohren (Piercing), Einschneiden (Introzision), Abschaben sowie die Kauterisation von Genitalgewebe, das Ausbrennen der Klitoris oder das Einführen ätzender Substanzen in die Vagina.

 

 

FOLGEN

Nicht zu verachten sind die Folgen dieses Rituales, nur wenige dieser haben wir hier aufgelistet:

 

Psychische Traumata: Sicherlich wird keine Frau den Schmerz vergessen, denn FGM wird meist ohne jegliche Betäubung praktiziert. Nicht zu vergessen ist die Scham und die Beleidigungen die durch die Beschneiderin erfolgen. Die Frauen werden dabei oft festgehalten und nicht selten geschieht eine Beschneidung gegen den Willen. 

 

Lebensbedrohliche Infektionen (auch HIV!): durch unhygienische Bedingungen mittels ungewaschener Rasierklingen oder Glasscherben, mit denen der Schnitt vollzogen wird. Oft wird die Wunde danach nicht versorgt oder sogar mit traditionellen Praktiken wie Asche verunreinigt.

 

Tod: Nicht selten sterben die Mädchen an den Folgen. Es besteht vor Allem Verblutungsgefahr, da die Wunde nicht vernäht wird. Der Körper wird dann in den Wald als Tierfraß geworfen

 

Komplikationen bei Geburten: Je nach Typ entstehen tiefe Vernarbungen und fehlende Teile der Vagina, die zu schweren Komplikationen bei Geburten führen können. 

 

Verlust eines Organs:  Nach der Entfernung ist für die Frauen keine sexuelle Erregung mehr möglich, zudem können sie extreme Schmerzen beim Geschlechtsverkehr erleiden.

 

Harnwegsinfektionen, Inkontinenz: Durch schwere Verletzungen kann es ebenso zu schwerwiegenden Folgen des gesamten Urogenitalbereiches kommen.

 

 

 

 

Gründe der Kuria FÜR beschneidung

Trotz der Folgen für die Mädchen werden in Kuria, Kenia die Mädchen weiterhin beschnitten, dafür haben die Kuria ihre eigenen Gründe:

 

Erwachsenwerden: durch die Genitalverstümmelung werden die Mädchen zur Frau und bekommen Anerkennung. Gerade in der Pubertät scheint dies den Mädchen wichtig zu sein.

 

Mut beweisen: Wer beschnitten ist gilt schon als mutig, doch wer während der Prozedur nur mit den Augen zuckt oder sogar zu schreien oder weinen beginnt, gilt als schwach und wird verpöhnt. 

Vollwertiges Mitglied der Gemeinde sein: Erst nach der Beschneidung darf die Frau an kulturellen Traditionen, wie Hochzeiten teilnehmen. Wer nicht beschnitten ist wird ausgeschlossen. Viele Mädchen freuen sich so sehr auf diesen "Status", dass sie dafür die Qualen der Beschneidung in Kauf nehmen.

 

Symbol der "Reinheit": erst wenn die Frau verheiratet wird, darf der Ehemann in sie eindringen und alles Verstümmelte aufstoßen, ein sehr traumatisches, gefährliches und schmerzhaftes Ereignis. Die Verstümmelung garantiert dem Ehemann sozusagen die jungfräulichkeit und "Reinheit".

Heirat möglich: die meisten Männer nehmen nur "reine" Frauen und zur Hochzeit freigegebene Mädchen an, zudem zahlen sie dann einen höheren Brautpreis.

Brautpreis: Der Brautpreis für die Eltern des Mädchens ist höher, wenn sie  beschnitten ist. Besonders die armen Familien sind auf diesen angewiesen und verheiraten ihre Töchter dann auch in einem jungen Alter.

Große Feier, viele Geschenke: ein Reiz für Mädchen aus armen Verhältnissen ist natürlich das Geld, die vielen Geschenke und die Anerkennung die sie bei solch einer Zeremonie erhalten. Es ist eine große Feier für die Mädchen die schon am Vorabend vor der Beschneidung beginnt. Die Frauen singen und tanzen die ganze Nacht. Sie werden besonders gekleidet nachdem sie beschnitten wurden, sie tragen das mit ihrem Blut getränkte Tuch um die Beine und laufen mit einem Regenschirm und einer feiernden Menschenmasse durch das Dorf.

 

 

Ein paar Eindrücke von einer solchen Zeremonie :  

warum zinduka vor ort bei den kuria wichtig ist

Seit 1990 ist es in Kenia offiziel verboten jemanden zur Genitalverstümmelung zu zwingen. Seit 2011 ist FGM erst vollkommen illegal.

 

Trotzdem sind 96% der Frauen im Volk der Kuria verstümmelt (meist Typ II). Das Verstümmelungsalter der Mädchen liegt zwischen 9 und 18 Jahren, jedoch findet die Prozedur meist vor dem 15. Lebensjahr statt. Vermutlich weil den Mädchen gerade in diesem Alter wichtig ist dazu zu gehören und sie in jüngeren Jahren noch nicht so genau verstehen können was ihnen angetan wird. Genau das möchte Zinduka ändern. In den Schulen sollen die Mädchen früh aufgeklärt werden und verstehen was FGM bedeutet. Sie werden unterstützt und lernen "Nein" sagen zu dürfen. 

 

Die Mädchen werden sobald sie der FGM unterzogen wurden und diese überlebt haben, verheiratet. Dies ist für die in der Regel sehr armen Eltern eine große Erleichterung, da die Tochter in die Familie des Mannes zieht und sie im Gegenzug ein wertvolles Geschenk, den sogenannten Brautpreis, erhalten. Auf beispielsweise eine neue Kuh, Ziege oder Hühner sind die Eltern angewiesen, die sie im Gegenzug erhalten. 

Sobald ein Mädchen verstümmelt, verheiratet und in den Haushalt den Mannes eingebunden ist, gibt es kein Zurück mehr. Sie hat kein Recht darauf, ihren eigenen Weg zu gehen, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen. Der Mann bestimmt. Zinduka hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Eltern, die ihre Kinder aufgrund der ärmlichen Verhältnisse verheiraten wollen, zu beraten, ihnen Alternativen zu zeigen und sie davon zu überzeugen, dass es andere Wege gibt, die weniger leidvoll für die Mädchen sind. Wir unterstützen Mädchen dabei in die Schule gehen zu können, da auch dies in Kenia Geld kostet. 

Auch Vater -Tochter Camps veranstaltet Zinduka um vor Allem den Männern, die am meisten Mitsprache haben, verständlich zu machen wie wertvoll es ist eine Tochter zu haben und welche Bedeutung FGM hat.

 

 

 

Interview mit Antonia Waskowiak, über FGM und das Rescuecamp in Kuria

FGM Sensitization jetzt auch auf Youtube!- Antonia`s Interview beim Y254 Channel
FGM Sensitization jetzt auch auf Youtube!- Antonia`s Interview beim Y254 Channel

...hautnah Miterleben...

ein Ausschnitt aus Antonia's Tagebuch  (Dezember 2012):

"Was mich momentan hier sehr belastet, ist die Zeit der Beschneidung und weiblichen Genitalverstümmelung, die seit Anfang Dezember zum Alltag wurde. Jeden Morgen werden viele Jungs und Mädchen beschnitten und verstümmelt und marschieren dann jubelnd, tanzend und singend nach Hause. Ich versuche, die Kultur zu verstehen, allerdings gelingt es mir noch nicht so ganz…

Es wurden 2010 noch von Entwicklungsorganisationen vor Ort Camps organisiert, die während der Beschneidungszeit aufgeschlagen wurden. Sie waren Anlaufstellen für Mädchen, die von ihren Eltern gezwungen wurden, selbst aber stark genug waren, sich gegen die Verstümmelung zu wehren und wegzulaufen.

Ich hatte vor, genau diese Lager aufzusuchen, sie zu unterstützen und mich mit den Mädchen dort auseinanderzusetzen. Allerdings war die Suche erfolglos. Die Camps finden seit diesem Jahr nicht mehr statt. Angeblich gibt es keine Mädchen mehr, die gezwungen werden. Tatsächlich bekomme ich mit, wie viele Mädchen den grausamen Akt freiwillig über sich ergehen lassen wollen. Beispielsweise, weil ihre Freundinnen es auch machen und sie „uncool“ sind, wenn sie nicht auch verstümmelt sind. Oder auch, weil sie Angst haben, keinen Mann zu finden, bzw. von der Familie des Mannes verjagt zu werden, denn diese könnte nur eine beschnittene Frau akzeptieren.

 

Dass es bereits illegal ist, Mädchen zu verstümmeln, wissen die Kuria zwar, interessiert sie aber keineswegs. Die Polizei hat sogar letzte Woche, als das Ganze begann, die Verstümmlerin festgenommen und die Prozedur verboten. Allerdings waren die Kuria mit Macheten, Messern und gefährlichen Gegenständen in der Überzahl und haben die Frau zurück erobert. Trotzdem verstümmelt sie dieses Jahr keine Mädchen. Deshalb müssen diejenigen, die sich jetzt verstümmeln lassen wollen, in die nächste Gemeinde laufen, in der die Prozedur noch möglich ist. Das sind dann über 12 Kilometer, die die Mädchen vor und nach dem Ereignis laufen müssen. Einige kommen bei uns zuhause in blutgebadeten Gewändern an. Die Blutpfützen auf der Straße sind schon fast normal für mich…

Zum Glück lebe ich in einem Dorf, in dem die Jugendlichen sehr stark sind und sich fast alle gegen die weibliche Genitalverstümmelung gewehrt haben. Zusammen mit meiner Gastschwester haben wir uns schon den Mund fusselig geredet und versucht, andere sturrköpfige Mädchen zu überzeugen, sich nicht auch beschneiden zu lassen. Mehr können wir vorerst leider auch nicht tun…"