Die weibliche Genitalverstümmelung...

Für die meisten Menschen hier im Westen ist die weibliche Genitalverstümmelung (kurz FGM: engl: Female Genital Mutilation) heutzutage eine veraltete und weit entfernte Art der Beschneidung... sie wurde früher auf schreckliche Art und Weise praktiziert, doch ist inzwischen längst verboten.

 

Das ist auch richtig so, zumindest in der Theorie!

Noch heute wird sie hauptsächlich im westlichen und nordöstlichen Afrika, sowie in Jemen, Irak, Malaysia, Indonesien und anderen Ländern praktiziert.

Formen

Typ I: teilweise oder vollständige Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris (Klitoridektomie) und/oder der Klitorisvorhaut (Klitorisvorhautreduktion)

 

Typ II: teilweise oder vollständige Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Schamlippen (Exzision)

 

Typ III (auch Infibulation): Verengung der Vaginalöffnung mit Bildung eines deckenden Verschlusses, indem die inneren und/oder die äußeren Schamlippen aufgeschnitten und zusammengefügt werden, mit oder ohne Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris

 

Typ IV: In dieser Kategorie werden alle Praktiken erfasst, die sich nicht einer der anderen drei Kategorien zuordnen lassen. Die WHO nennt beispielhaft das Einstechen, Durchbohren (Piercing), Einschneiden (Introzision), Abschaben sowie die Kauterisation von Genitalgewebe, das Ausbrennen der Klitoris oder das Einführen ätzender Substanzen in die Vagina

FGM in Kenia und im Volk der Kuria

Seit 1990 ist es in Kenia offiziel verboten jemanden zur Genitalverstümmelung zu ZWINGEN. Seit 2011 ist FGM erst komplett illegal.

Trotzdem sind 96% der Frauen im Volk der Kuria verstümmelt (meist Typ II).

Das Verstümmelungsalter der Mädchen liegt zwischen 9 und 18 Jahren, jedoch findet die Prozedur meist bis zum 15. Lebensjahr statt. Das wird darauf zurück geführt, dass die Mädchen in jüngeren Jahren noch nicht so gebildet sind, um verstehen zu können, was ihnen angetan wird. Außerdem werden sie, sobald sie der FGM unterzogen wurden und diese überlebt haben, verheiratet. Dies ist für die in der Regel sehr armen Eltern eine große Erleichterung, da die Tochter in die Familie des Mannes zieht und sie im Gegenzug ein wertvolles Geschenk, den sogenannten Brautpreis, erhalten. Auf beispielsweise eine neue Kuh, Ziege oder Hühner sind die Eltern angewiesen. 

Sobald ein Mädchen verstümmelt, verheiratet und in den Haushalt den Mannes eingebunden ist, gibt es kein Zurück mehr. Sie hat kein Recht darauf, ihren eigenen Weg zu gehen, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen.

 

Vorteile/Gründe der Kuria

Erwachsenwerden der Mädchen --  durch die Genitalverstümmelung werden die Mädchen zur Frau

 

Mut beweisen -- wer nur mit den Augen zuckt oder sogar zu schreien oder weinen beginnt, gilt als schwach und wird verpöhnt

Vollwertiges Mitglied der Gemeinde -- nun darf die Frau an kulturellen Traditionen, wie Hochzeiten, teilnehmen

 

Symbol der Reinheit -- erst wenn sie verheiratet wird, darf der Ehemann in sie eindringen und alles Verstümmelte aufstoßen, ein sehr traumatisches, gefährliches und schmerzhaftes Ereignis

Heirat möglich -- die meisten Männer nehmen nur "reine" und zur Hochzeit freigegebene Mädchen an

Brautpreis für die Eltern des Mädchens -- besonders die armen Familien sind auf diesen angewiesen

Große Feier, viele Geschenke -- ein Reiz für Mädchen aus armen Verhältnissen

 

Nachteile/Risiken

Psychische Traumata -- ohne jegliche Betäubungsart praktiziert

 

Lebensbedrohliche Infektionen -- (auch HIV!!!) durch unhygienische Bedingungen mittels Rasierklingen oder Glasscherben

 

Oft tödlich! -- Verblutungsgefahr, da die Wunde nicht vernäht wird. Der Körper wird in den Wald alsTierfraß geworfen

 

Schwerwiegende Komplikationen bei Geburten -- tiefe Vernarbungen und fehlende Teile der Vagina

 

Verlust eines Organs -- keine sexuelle Erregung mehr möglich, zudem extreme Schmerzen beim Geschlechtsverkehr

 

 

...hautnah erleben, Dezember 2012

Ausschnitt von meinem Tagebuch

"Was mich momentan hier sehr belastet, ist die Zeit der Beschneidung und weiblichen Genitalverstümmelung, die seit Anfang Dezember zum Alltag wurde. Jeden Morgen werden viele Jungs und Mädchen beschnitten und verstümmelt und marschieren dann jubelnd, tanzend und singend nach Hause. Ich versuche, die Kultur zu verstehen, allerdings gelingt es mir noch nicht so ganz…

Es wurden 2010 noch von Entwicklungsorganisationen vor Ort Camps organisiert, die während der Beschneidungszeit aufgeschlagen wurden. Sie waren Anlaufstellen für Mädchen, die von ihren Eltern gezwungen wurden, selbst aber stark genug waren, sich gegen die Verstümmelung zu wehren und wegzulaufen.

Ich hatte vor, genau diese Lager aufzusuchen, sie zu unterstützen und mich mit den Mädchen dort auseinanderzusetzen. Allerdings war die Suche erfolglos. Die Camps finden seit diesem Jahr nicht mehr statt. Angeblich gibt es keine Mädchen mehr, die gezwungen werden. Tatsächlich bekomme ich mit, wie viele Mädchen den grausamen Akt freiwillig über sich ergehen lassen wollen. Beispielsweise, weil ihre Freundinnen es auch machen und sie „uncool“ sind, wenn sie nicht auch verstümmelt sind. Oder auch, weil sie Angst haben, keinen Mann zu finden, bzw. von der Familie des Mannes verjagt zu werden, denn diese könnte nur eine beschnittene Frau akzeptieren.

 

Dass es bereits illegal ist, Mädchen zu verstümmeln, wissen die Kuria zwar, interessiert sie aber keineswegs. Die Polizei hat sogar letzte Woche, als das Ganze begann, die Verstümmlerin festgenommen und die Prozedur verboten. Allerdings waren die Kuria mit Macheten, Messern und gefährlichen Gegenständen in der Überzahl und haben die Frau zurück erobert. Trotzdem verstümmelt sie dieses Jahr keine Mädchen. Deshalb müssen diejenigen, die sich jetzt verstümmeln lassen wollen, in die nächste Gemeinde laufen, in der die Prozedur noch möglich ist. Das sind dann über 12 Kilometer, die die Mädchen vor und nach dem Ereignis laufen müssen. Einige kommen bei uns zuhause in blutgebadeten Gewändern an. Die Blutpfützen auf der Straße sind schon fast normal für mich…

Zum Glück lebe ich in einem Dorf, in dem die Jugendlichen sehr stark sind und sich fast alle gegen die weibliche Genitalverstümmelung gewehrt haben. Zusammen mit meiner Gastschwester haben wir uns schon den Mund fusselig geredet und versucht, andere sturrköpfige Mädchen zu überzeugen, sich nicht auch beschneiden zu lassen. Mehr können wir vorerst leider auch nicht tun…"